Ich halte unsere Reise in einer Travel App mit Bildern und kurzen, tagebuchähnlichen Einträgen fest. Dort wird mir auch angezeigt, wie viele Tage unsere Reise schon dauert. Heute sind wir genau 150 Tage unterwegs. Da wir uns aber zwischendurch auf Weihnachtsurlaub in Deutschland befanden, sind es nur 120 Tage im Wohnwagen. Davon 101 Tage in Spanien und 91 Tage auf dem Nuevo Camping La Herradura. Ein guter Zeitpunkt für eine erste Bilanz.

Zuerst habe ich ein paar Zahlen für euch:
12.752 Kilometer (inklusive Flüge nach und von Deutschland)
150 Tage unterwegs
120 davon im Wohnwagen, 1 Nacht in einem Apartment, 2 im Hotel, 27 Tage bei Freunden und Familie in Gästebetten
5 Länder bereist
auf 9 Campingplätzen gestanden
die erste Gasflasche hat für 96 Tage gereicht
die zweite hat uns gestern verlassen
1x haben wir Besuch aus Deutschland gehabt

Und sonst?

Ich bin ein absolutes Camper Greenhorn. In den USA haben wir ein altes klappriges Wohnmobil an seinen Alterswohnsitz begleitet, und hier durfte ich bereits Campingplätze und freies campen kennen lernen. Aber in einem Wohnwagen zu leben ist doch etwas anderes. So war ich gespannt, wie es mir gefallen würde, das Camperleben. Ursprünglich war unser Plan, den Wohnwagen nur für die Reise zu nutzen und vor Ort, an Stationen, wo wir uns länger aufhalten wollten, eine Unterkunft zu mieten. Mittlerweile hatten wir unseren Homie so hübsch zurecht gemacht, dass uns der Gedanke gefiel, dauerhaft in ihm zu leben und wir wollten es erst einmal probieren. Eine Wohnung mieten könnten wir ja später immer noch. Doch bereits die erste Nacht (in Braunschweig ;-)) fühlte sich so gut an, es war gemütlich und einfach richtig. Es kommt mir auch bis heute nicht eng vor, es ist erstaunlich, mit wie wenig Raum wir zurecht kommen. Gut zurecht kommen. Wie wenig wir brauchen. Besitz fehlt mir eigentlich gar nicht. Meine Nähmaschine vermisse ich, aber ich bin mit unserem kleinen Zuhause auf Rädern sehr zufrieden. Das hätte auch anders sein können, und so freue ich mich, wie gut das Leben im Wohnwagen und ich zusammen passen. Regelmäßige kleine Koller, weil mir einfach keine praktikable Schrankeinteilung gelingen will, mal ausgeschlossen, aber Ausnahmen bestätigen ja die Regel.

Bei Regen sieht das allerdings schon anders aus. Ich weiß nicht, ob das an mir liegt, aber Regen im Wohnwagen, das ist nicht lustig. Und Unwetter schon gar nicht. Auch in Braunschweig gab es mal Starkregen, und in der Dachgeschosswohnung bekamen wir auch bereits einen leichten Vorgeschmack auf den Geräuschpegel hier im Wohnwagen, aber es ist echt krass. Wie laut der Regen ist. Schon leichter Regen klingt nach heftigem Schauer. Wenn ich dann todesmutig trotzdem den Wohnwagen verließ, wunderte ich mich darüber, wie völlig falsch ich die Wetterlage eingeschätzt hatte. Ich kann auch nicht schlafen, wenn es so stark regnet. Glücklicherweise, aber auch erstaunlicherweise, der Rest der Familie schon. Ich bin auch schon aufgewacht, direkt bevor ein Gewitter startete und konnte noch schnell Schuhe und andere lose Gegenstände, die noch im Freien standen, sichern. Dann lag ich ewig wach, malte mir Horrorszenarien aus und lauschte dem leisen Schnarchen meiner Jungs, während uns der Himmel auf den Kopf fiel. Wie kann man dabei schlafen? Wahrscheinlich wieder so ein Mama Ding. Generell machen mir Wind und Regen aber viel mehr aus als noch in einer festen Unterkunft. Es ist aber auch anders, ob man sich ärgert, dass die Gartenmöbel nass geworden sind und ein paar Tage zum Trocknen brauchen oder ob man sich Sorgen macht, dass einem das Zuhause weggespült wird. Der Homie, das ist ja jetzt alles, was wir haben.

Mit europäischen Campingplätzen (und vor allem europäischen Campern) komme ich während dieser Reise auch zum ersten Mal in Berührung. Und da gibt es himmelweite Unterschiede. Von Stellplätzen mit Reihenhauscharakter bis zu grünen, offenen und einsamen Plätzen ist da alles dabei. Von Basic bis Luxusausstattung auch. Da hatte ich keine wirklichen Erwartungen, die sind erst mit der Reise entstanden. Mir ist wichtig, dass ich entweder keine direkten Nachbarn habe oder aber ihnen nicht direkt auf den Tisch falle, sobald ich mein Vorzelt verlasse. Man kommt den anderen Menschen auf dem Platz sowieso sehr nah, ob man will oder nicht, da ist mir ein Minimum an privatem Bereich wichtig. Ich habe gerne Waschmaschinen auf dem Platz, ein Spielplatz ist kein Muss, aber schon schön. Über das Leben der Dauercamper (zu denen wir nach 3 Monaten in La Herradura schon fast zählen und von denen wir dort viele kennen lernen durften) schreibe ich aber noch mal einen eigenen Beitrag.

In La Herradura haben wir einige Familien kennen gelernt, mit denen uns jetzt durchaus freundschaftliche Gefühle verbinden. Zum Teil dort ansässig, oder genau wie wir unterwegs. Die Reisefamilien sehen wir allerdings schon ganz bald hier in Portugal wieder und hoffen sehr, dass sich unsere Wege auch noch häufiger kreuzen werden. Das sind durchweg deutsche Familien, sowie eine Familie aus Österreich. Gesprochen wurde allerdings nicht nur deutsch, sondern auch englisch und russisch (eine Familie ist -wie wir- ein deutsch-amerikanischer Mix, und eine deutsch-russische Familie aus Berlin haben wir kennen gelernt). Spanisch haben wir allerdings nur beim Einkaufen und Essen gehen gehört und z.T. gesprochen. Bevor wir andere Reisefamilien kennen lernten, hegte Joshua noch den Wunsch, spanisch zu lernen, um auf Spielplätzen schneller Kontakte zu knüpfen, doch schon nach ersten Worldschooler Meet Ups, wo er sein Englisch anwenden konnte, geriet dieser Wunsch in den Hintergrund und nachdem wir deutsche Kinder getroffen hatten, leider ganz in Vergessenheit. Ich habe mit einer Sprachlern App und einem kurzen Sprachkurs einige Spanischkenntnisse erworben, und die Jungs können sich immerhin mit Namen vorstellen und einen Orangensaft bestellen, aber weiter reicht es dann leider doch nicht. Hier hatte ich mir mehr erhofft.

Mehr erwartet hatte ich auch von der Worldschooler Community. Auf der eigenen Website und in der privaten Gruppe auf Facebook wird ordentlich Werbung gemacht für diesen Hot Spot. Es gibt auch beinahe täglich Veranstaltungen, diese bleiben mir aber zu sehr im Freizeitbereich. Einerseits, weil sie nur nachmittags, abends oder am Wochenende stattfinden und andererseits weil es über Sport, Musik, Theater, Kunst und Spanischkurse nicht hinaus geht. Bereits nach kurzer Zeit hörte ich in Gesprächen immer wieder Unzufriedenheit über das strenge Regiment der Organisatorin, denn die “Community” ist im Grunde nur ein Ein-Frau-Unternehmen. Und die versucht krampfhaft, die wachsende Anzahl von Familien, die sich einbringen und vernetzen möchten, im Griff zu behalten. Bei einigen Aus- bzw. in Spanien ja Einwanderern besteht die Angst, dass Behörden aufmerksam werden und sie ihr illegales Homeschooler-Leben in Spanien aufgeben müssen, nach den Erfahrungen einiger Familien, die z.T. bereits viele Jahre dort leben, ist diese Angst aber wohl unbegründet. Auch wage ich sehr zu bezweifeln, dass die spanischen Behörden eine großangelegte Razzia bei den Mitgliedern durchführen, wenn Einzelne als Homeschooler auffallen sollten. Ich bin gespannt, wie sich die Situation dort entwickelt, denn bereits jetzt entstehen lokal kleinere, von Eltern initiierte Gruppen, die gemeinsame Treffen, regen Austausch und gegenseitige Hilfe anbieten und organisieren. Der Wunsch nach gemeinsam organisiertem Homeschooling wird lauter, und wenn es genügend Familien gibt, die sich lösen wollen, wird der Hub Andalusia keine Grundlage mehr haben. Toll ist allerdings, dass es so viele Reisefamilien dorthin zieht und sich so die Möglichkeit bietet, ständig neue Menschen aus aller Welt kennen zu lernen, die häufig bald weiterziehen, aber Inspiration und Austausch sind dennoch möglich. Unsere Freunde haben wir ja auch über diese Community gefunden und dafür sind wir dankbar. Meine Vorstellung vom Worldschooler Hub hatte allerdings mehr mit gemeinsamem Lernen zu tun.

Die Zeit in Deutschland (über Weihnachten und Neujahr waren wir ja auch Heimaturlaub) hat mir auch Verschiedenes gezeigt. Zum Beispiel wie schön es ist, dass unsere Jungs sich bei meinen Eltern einfach wie zu Hause fühlen. Und wie gut es tut, die Verantwortung für sie teilen zu können, zumindest zeitweise. Das Dauergrau und der beständige Regen (bis auf die erste sonnige Woche) ließen mich schier verzweifeln und steigerten die Vorfreude auf die Sonne mit ihrer Wärme und dem Licht ins Unermessliche. Es war erstaunlich zu sehen, wie schnell die Jungs sämtliche Spielsachen in der gesamten Wohnung verteilen und auch wir tendierten dazu, uns mehr auszubreiten. Mehr Platz zur Verfügung zu haben, erscheint mir nicht mehr als etwas Erstrebenswertes. Auch wenn etwas mehr Raum manchmal nicht verkehrt wäre, allerdings hätte ich dann klare Vorstellungen zu Größe und Funktion. Unglücklicherweise legte mich ein Virus ab Neujahr komplett lahm und warf meine Pläne geringfügig durcheinander. Es befreite mich aber auch von dem Druck, noch möglichst viele Freunde zu sehen, ein Treffen irgendwie möglich zu machen. Denn auch das ist mir wieder aufgefallen: Wie schwierig es mit manchen Freunden ist, Termine für einen Schnack zu finden oder damit die Kinder spielen können. Sicher, das Leben im Alltag geht weiter, und spontane Treffen bergen das Risiko, dass die Zeit schon anders verplant ist. Doch genau das zeigt mir, wie richtig unsere Entscheidung ist, aus diesem Leben auszusteigen und es noch einmal ganz anders zu versuchen. Denn das ist das Schönste bisher auf unserer Reise: Wir sind nicht durchgetaktet, es ist nichts vorgeschrieben, wir haben Zeit für Spontanität und müssen keine Erwartungen erfüllen. Es war ein echtes nach Hause kommen, als wir aus dem Flieger stiegen, weil wir wussten: Jetzt geht es weiter, wir vier unterwegs, entdecken den Rest der Welt. Ich habe mich tatsächlich nach diesem unserem neuen Leben gesehnt und freue mich darauf, euch zu berichten, wohin es uns treibt und was wir auf unserer Reise noch erleben werden.

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