Wir gehen in die USA. Wir machen das wirklich. Auch uns selbst fiel das anfangs schwer zu glauben, aber: Die Entscheidung stand. Und das bedeutete unweigerlich, egal, wie lange wir bleiben, für eine Zeit müssen wir uns von Deutschland, von Braunschweig, unserem Zuhause, unseren Familien und Freunden verabschieden. Mit dem Abschied ist das nun aber so eine Sache. Mir war sofort klar, dass der endgültige Abschied für mich emotional fürchterlich werden würde. Einfach so zu verschwinden kam natürlich nicht in Frage. Das große Heulen aber auch nicht, schon Joshuas wegen, doch auch mir selbst und meinen Lieben würde es sicher besser damit gehen, wenn ich mir die Tränen für später aufsparte. Aber geht das? Emotionen sind nun mal da und wenn das Herz voll davon ist, fließen die Augen über. Ich bin nicht der Typ, der das gut zurückhalten kann, dachte ich. Anfangs kamen mir auch relativ oft spontan die Tränen, weil mir bewusst wurde, dass ich einige Situationen erstmal nicht wie gewohnt erleben würde: Den Frühling mit all dem frischen Grün und der Wärme nach dem Winter z.B. So saß ich dann heulend im Auto und dachte mir: Wie soll das nur funktionieren?

Es gelang mir dann aber recht schnell, einfach normal weiterzumachen und die Situation gelassen auf mich zukommen zu lassen. Fragen danach, ob ich denn schon nervös sei und ob ich einen anderen Blick auf meine alte Umgebung bekommen habe, konnte ich wahrheitsgemäß verneinen. Ich horchte immer mal wieder in mich hinein, fand aber nichts als gespannte Erwartung und Freude, auf das, was uns bevorstand. Natürlich war mir klar, dass meine Familie und Freunde mir fehlen würden, wenn ich erst hier in Amerika angekommen wäre, aber ein Gefühl des “Ich-vermisse-bereits-jetzt-alles-ganz-schrecklich” wollte sich nicht einstellen. Und ich war sehr froh darüber, denn diese Ruhe konnte ich auch auf meine Kinder übertragen, so dass auch sie relativ entspannt an diese große Veränderung herangehen konnten. Manchmal fragte ich mich, ob mir eigentlich selbst bewusst ist, welche Entscheidung wir da getroffen haben.

Bereits Anfang August verabschiedeten wir uns beim Geburtstag meiner Schwiegerma von einem großen Teil der McCutchan Family. Das fiel mir nicht besonders schwer, die Abreise lag aber auch noch in weiter Ferne. An unserem Abschiedsfest, an dem wir gleichzeitig auch unseren Hochzeitstag feierten, war die Stimmung so ausgelassen, da gab es keinen Platz für Tränen. Es war ein wunderschönes, turbulentes Gartenfest. Aber es wurde schwieriger. Kartons zu packen ließ mich wieder wehmütiger werden, Musik, die mich immer schon am intensivsten berühren konnte, trieb mir Tränen in die Augen oder blieb mir als Kloss im Halse stecken.

Aber besonders schwer auszuhalten war es, zu sehen, wie schwierig die Situation für meine Eltern ist. Unsere Beziehung ist sehr gut, wir stehen uns sehr nah, waren in Deutschland quasi Nachbarn… und zu erleben, dass auch sie natürlich traurig sind und sich diese Entfernung zwischen uns kaum vorstellen können, das war das Schwierigste und ist es jetzt noch. Wenn Joshua davon spricht, dass der Abschied ihm schwerfällt und er seine Freunde und Familie zuhause vermisst, dann zerreisst es mir das Herz, und meinen Eltern muss es ja genauso gehen. Seitdem ich selber Kinder habe, sehe ich meine eigenen Eltern auch anders. Ich kann einige Entscheidungen besser verstehen oder habe jetzt einen Riesenrespekt davor, wie sie viele Situationen gemeistert haben. Vorher war mir bei vielen Dingen gar nicht klar, welche intensiven Gefühle damit verbunden sind, das ist anders, seitdem ich selber Mutter bin.

Joshua versuchten wir solche Abschiedsszenen so weit das ging zu ersparen. Der Abschied von seinen Freunden war für ihn aber natürlich schlimm, und er vermisst sie noch immer sehr. Sich nicht mal eben verabreden zu können gefällt ihm gar nicht und noch möchte er eigentlich lieber in Deutschland sein. Ich hoffe, es gelingt uns, ihn hier gut zu integrieren und in seinem Schmerz aufzufangen.

Allerdings hatte der Abschied auch eine gute Seite. Zum Beispiel tauchten einige Menschen, die ich ewig nicht gesehen hatte, plötzlich wieder auf dem Radar auf. In den letzten Wochen  erlebte ich mit so vielen Menschen eine so intensive Zeit, das war wirklich besonders.

Jetzt blättere ich durch unser Gästebuch von der Abschiedsparty, schaue mir Bilder an oder schmökere in meinem Freundebuch und auch wenn ich natürlich noch traurig werde, denke ich, was Winnie-the-Pooh so treffend formuliert hat: How lucky I am to have something that makes saying good-bye so hard!

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