Vor einigen Jahren hatten wir in unserer Kirchengemeinde eine Gottesdienstreihe zum Thema: Ganz anders könnte man leben. Richard und ich haben die Flyer dafür erstellt und es machte mir große Freude, Bilder zu finden, die dazu passten. Darunter waren dann Ameisen, die aus ihrer Straße ausbrechen, die Blüte auf dem stacheligen Kaktus oder der Goldfisch, der gegen den Strom schwimmt. Und ich träumte davon, wie diese Ameise zu werden und einen anderen Weg einzuschlagen als die Menschen um mich herum.

Mit unserem Amerika-Abenteuer haben wir das ja bereits getan, denn wir waren nicht ‘einfach’ als Expats mit allen Sicherheiten von einer Firma entsendet, sondern sind dorthin umgezogen ohne zu wissen, für wie lange, haben uns in diesem Zug auch fürs Homeschooling entschieden und somit schon einiges anders gemacht als unser Familien- und Freundeskreis. Nun gut, diese Erfahrung hat uns relativ schnell wieder zurück nach Deutschland gebracht, genaueres kann man im USA Archiv nachlesen.

Aber es gelang uns auch nicht, uns unser altes Leben wieder überzustreifen, obwohl wir uns große Mühe gaben. Wir zogen in unsere Heimatstadt, sogar wieder in unser altes Viertel, dadurch konnte Joshua mit Freunden aus dem Kindergarten in dieselbe Schule – und sogar Klasse – gehen und Benji denselben Kindergarten wie Joshua damals besuchen, Freunde wohnten in der Nähe, Wege und Einkaufsmöglichkeiten waren altbekannt… vielleicht war es auch einfach zu viel des Guten. Richtig fühlte es sich nicht an. Wir vermissten die Nähe zum Meer, oder wenigstens zur Elbe, wie wir es zuletzt bei meinen Eltern hatten. Joshua fiel der Einstieg in die Schule schwer, Enttäuschung, Frustration und Tränen bestimmten die ersten Wochen. Das war für uns ziemlich furchtbar und nur schwer zu ertragen, glücklicherweise fand er aber einen Weg in diese neue Rolle und konnte der Schule schon bald sogar Positives abgewinnen. Er freute sich über die Tage, an denen er fünf statt vier Unterrichtsstunden hatte. Aber warum? na klar, weil er dann zwei große Pausen hatte, um mit seinen Freunden zu spielen. Er hatte einfach schnell erkannt, das die Schule – und dort eben die Pause – der Ort sind, an dem man seine Freunde treffen kann, denn nachmittags sind viele schon verplant. Ich freute mich, dass er eine Strategie für sich gefunden hat, Schule gut zu finden, aber lange wird diese Motivation ihn nicht antreiben können. Und so gab es schon während des Schuljahres immer wieder Stress, z.B. wegen der Hausaufgaben, deren Sinn ihm oft nicht einleuchten wollte. Uns ehrlich gesagt oft auch nicht. Und so ließ er sie eben auch öfter bleiben. Am schlimmsten empfanden wir aber alle vier den Zeitdruck am Morgen. Die Jungs sind beide Frühaufsteher und liebten es, nach dem Aufwachen einfach nur zu spielen. Und sie dann zum Anziehen, Frühstücken, Zähneputzen und Losgehen zu zwingen fühlte sich echt mies an.

Für Benji hatten wir – nachdem alle Kindergartenplätze bereits vergeben waren – einen Platz im sich noch im Entstehungsprozess befindenden internationalen Kindergarten bekommen. Da dieser erst im Oktober eröffnet werden sollte, vergingen bereits einige Wochen in neuer Routine, bevor seine Eingewöhnung starten sollte. Während dieser Zeit wuchsen Zweifel an der Kiga-Entscheidung. Da wir kein Auto hatten, bevorzugten wir kurze Wege, die zu Fuß bewältigt werden konnten und es fühlte sich einfach gut an, zu wissen, was uns erwartete. So fragte ich in unserem alten Kindergarten an, ohne viel Hoffnung auf positive Rückmeldung und wurde überrascht: tatsächlich war ein Platz frei, und dann auch noch in Joshuas Gruppe, d.h. mit bekannten Lieblingserzieherinnen. Das erschien uns wie ein Zeichen, als sollte es genau so sein. Kurzerhand sagten wir den privaten Platz wieder ab und freuten uns auf den Kindergarten. Doch erstens, kommt es anders und zweitens, als man denkt. Benjis Erwartungen deckten sich nicht mit der Realität, und obwohl er gerne mal dort spielte, wollte er sichergehen, dass er jederzeit wieder verschwinden konnte und es fiel ihm täglich schwerer, mich gehen zu lassen. Er weinte viel, oft schon zuhause, bevor wir uns auf den Weg machten und an mir nagte das schlechte Gewissen, war ich doch zu Hause und hatte damit die Möglichkeit, ihn selber zu betreuen. Es gab auch Tage, an denen er mich mittags mit den Worten: “Es war nur schön, Mama.” begrüßte, aber sie blieben selten und Benji blieb öfter zuhause. Auch die Erzieherinnen bestätigten mir auf Nachfrage, dass er viel alleine blieb und wenig mit anderen Kindern spielte. Doch genau das war ja mein Wunsch für ihn, ich hatte gehofft, er würde es genießen, eigene Freundschaften schließen zu können. Bisher war er auf die Freunde seines großen Bruders angewiesen. Dieser Wunsch erfüllte sich aber nicht. Lange konnte und wollte ich ihm das nicht antun und so durfte er sich immer öfter einen Tag frei nehmen und blieb irgendwann ganz zu Hause. Noch heute spricht er davon, dass er den Kindergarten nicht mag und die Zeit dort einfach viel zu lange gewesen sei.

Unsere Wohnung, über die wir uns anfangs so gefreut hatten, war dennoch nur als Durchgangsstation gedacht, denn auf Dauer wollten wir wieder in einem Haus mit Garten leben. Die immer weiter steigenden Immobilienpreise trugen allerdings nicht dazu bei, dass wir Pläne in Richtung Hauskauf machen konnten, auch gefiel uns er Gedanke nicht, in Braunschweig zu bleiben, zu sehr sehnten wir uns nach dem Meer, nach Luft, alles erschien uns zu eng und stickig. Zu eingefahren.

Old ways won’t open new doors. Ja, die alten Wege fühlten sich zwar vertraut an, doch führten sie uns auch nicht weiter. Also mussten wir neue Wege beschreiten. Doch wohin sollten uns diese Wege führen? Ans Meer, das wäre schön. In ein Tiny House? Aus Deutschland heraus? Einfach fort, fort ins Freie.

Aber was, wenn wir in ein anderes Land ziehen und nach einiger Zeit merken, dass es das auch nicht ist, genau wie in den USA? Wir machten uns viele Gedanken und träumten davon, erstmal verschiedene Orte kennen lernen zu können, bevor wir eine Entscheidung treffen. Und irgendwann dämmerte es uns. Warum denn eigentlich nicht? Richards Arbeit  erlaubt uns doch genau dieses Leben. Losziehen und die Welt entdecken. Und herausfinden, wo wir sein können, und eventuell bleiben möchten. Und so tanzen wir jetzt erstmal aus der Reihe.

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