Homeschooling, Freilernen oder was macht ihr eigentlich den ganzen Tag? Und was und wie lernen die Kinder? Wenn auch du dich fragst, wie das eigentlich funktioniert, dann stelle ich dir gerne einmal vor, wie das bei uns im letzten Jahr ausgesehen hat. Natürlich kann das in anderen Familien ganz anders aussehen, so vielfältig, wie Familien an sich sind, gestalten sich eben auch ihre Lernwege. Als Beispiel dafür, wie Freilernen aussehen kann, eignet es sich aber sicher.

September 2017
Hurrikan Irma bescherte uns eine wunderbare Urlaubswoche in Austin, die vollgestopft war mit Lernaktivitäten. Wir besuchten zum Beispiel den Botanischen Garten in Austin, machten einen Tagesausflug zum Enchanted Rock, einem kuppelförmigen Granit-Monolith (und brachten als Mitbringsel einen Poison Ivy Ausschlag mit), besuchten eine alte Cowboystadt und waren im Trampolinpark. Auf der Rückfahrt entdeckten wir an einer Raststätte Banana-Spiders und Frösche und während der gesamten Reise begegneten uns die Spuren von Irma und Harvey (den beiden schweren Stürmen). Zurück in Florida besuchten wir die Delfine Winter und Hope (und natürlich auch die anderen Tiere) im Aquarium von Clearwater, Joshua nahm am Karate Training teil, wir passten auf den Hund unserer Nachbarn auf und trafen uns mit neuen Freunden am Strand. Ach ja, und natürlich spielten, malten, lasen und bastelten wir.

Oktober 2017
Im Oktober startete die Homeschool Kooperative HOP (Homeschoolers of Pinellas), hier belegten die Jungs ab jetzt mittwochs zwei Kurse, eine Art Kinderturnen mit Yoga und Basteln mit Recyclingmaterialien. Joshua hätte so gerne Mad Science belegt, leider war der Kurs aber bereits voll, als wir uns anmelden konnten. Weiterhin machten wir Ausflüge z.B. in den nahegelegenen Nationalpark Brooker Creek Preserve zum Fall Wildflower Festival mit Honigbienen-Beobachtung, einem Schmetterlings-walk through-Zelt mit über 250 Schmetterlingen, einer Wildblumen Suchaktion und vielem mehr. Wir waren beim Fire Rescue and Police Day in Clearwater, besuchten einen Homeschool Kurs über Krabben in einem Park in der Nähe, waren viel in der Bücherei, am Strand und auch in der Kirche. Zuhause arbeiteten wir unregelmäßig in Joshuas Deutsch Lehrwerk, das ich aus Deutschland mitgebracht hatte.

November 2017
Dieser Monat stand im Zeichen der Dinosaurier. Wir waren in der Dinosaur World, einem Dinosaurierpark in der Nähe von Tampa. Zuhause wurden die Jungs selber zu Dinoforschern, ich hatte Skelettteile aus Holz im Sand vergraben, die sie freilegen und zusammensetzen mussten, wir verdeutlichten die Größe der Dinos mit Kreidestrichen auf unserer Straße, sangen Dinolieder, die wir bei Youtube gefunden hatten und erstellten ein Dino Lapbook, eine Art Mappe, über die Dinosaurier. Auch andere Tiere besuchten wir im November, z.B. in einem Aquarium in Bradenton, oder massenhaft Manatees am Apollo Beach, umringt von Tarpunen, Rochen und auch Haien. Und Delfine, z.B. an meinem Geburtstag, an dem wir in Tarpon Springs, einer Nachbarstadt waren und an einer Delfintour teilnahmen. Aber auch an unserem Strand, auf Honeymoon Island, sahen wir fast jedes Mal, wenn wir dort waren, Delfine vorbeiziehen, aus dem Wasser springen oder jagen, manchmal nur wenige Meter vom Strand entfernt. Mittwochs waren wir beim HOP, donnerstags beim Karate und ab und zu arbeiteten wir weiterhin im Deutsch Lehrwerk.

Dezember 2017
Im Dezember endeten unsere Mittwochstermine beim HOP, wir waren weiterhin beim Karate Training und fuhren öfter in den Skate Park. Im Teich hinter dem Grundstück einer befreundeten Familie erlebten wir einen Alligator in seinem natürlichen Lebensraum, auf Honeymoon Island entdeckten wir beim Spaziergang Great Horned Owls, Armadillos und Schildkröten. Im Brooker Creek Preserve traten die Jungs fast auf eine Klapperschlange, in den Sunken Gardens in St. Pete (einer Art Botanischer Garten) lernten wir Flora und Fauna Floridas noch näher kennen und im benachbarten Kindermuseum spielten die Jungs Feuerwehr, Nachrichtensprecher, Verkäufer, Tierarzt, Pizzabäcker, krabbelten durch absolute Finsternis, malten mit Licht und noch so viel mehr.

Januar 2018
Im neuen Jahr besuchten wir das Aquarium in Tampa, waren viel am Strand und untersuchten vor allem die vielen, von Stürmen angespülten Horse Shoe Crabs und Muscheln. In der Dinosaur World waren wir auch nochmal, Joshua machte donnerstags weiter Karate und experimentierte zuhause leidenschaftlich gern mit Wasser. Ab und zu beschäftigten wir uns auch mit seinem Deutsch Lehrwerk.

Februar und März 2018
Im Februar stand ein Highlight an, wir fuhren zum Raketenstart der Falcon Heavy zum Cape Canaveral. Da unsere Abreise immer näher rückte, waren wir ansonsten noch viel am Strand, im Pool und packten unsere Sachen. Deutschunterricht zuhause fand nicht mehr statt, es gab nur noch Streit zwischen uns, da beschlossen wir, die Sachen schon mit einzupacken. Einen kleinen Roadtrip nach Charleston machten wir noch im Februar und im März reisten wir dann von der Ost- an die Westküste der USA. Dabei erlebten wir unterschiedlichste Landschaften, besuchten Museen und die Kinder verdienten sich in vielen Nationalparks Junior Ranger Abzeichen.

April 2018
Zurück in Deutschland erkundeten wir die Umgebung bei Oma und Opa, machten z.B. einen Ausflug zum Schiffshebewerk Scharnebeck, beobachteten Störche, kletterten auf den Schlossturm in Lauenburg, der, weil er auch üble Verlieskammern zu bieten hat, bei uns nur noch Verliesturm heißt und erlebten den Kurs-Elbe-Tag mit Minischiffsbau, Elbüberfahrt und vielem mehr. Wir machten einen Ausflug nach Travemünde an den Strand. Außerdem besuchte Joshua an einzelnen Tagen gemeinsam mit seiner Oma die Schule und entdeckte seine Liebe für Zahlen und Mathematik.

Mai 2018
Neben etwas Schulunterricht hatten wir Zeit, mit Opa durch den Wald zu streifen oder an der Elbe spazieren zu gehen, mit Oma am Elvkieker die EinFlussReich Ausstellung zu besichtigen, eine Monstertruck Show zu besuchen, nach Hamburg zum Hafengeburtstag zu fahren, uns Lüneburg von oben anzusehen, einen Tierpark zu besuchen und und und…

Soweit unser Lerntagebuch. Bücher lesen, malen, basteln und immer wieder spielen, spielen, spielen könnte ich natürlich jedes Mal hinzufügen, denn das findet im Familienalltag sowieso statt. Beim Schreiben fällt mir wieder auf, wie schön sich das liest, irgendwie klingt es mehr nach Familienurlaub als nach Schulalltag. Und doch findet lernen bei all diesen Dingen statt. Das ist genau das, was man sich vielleicht öfter klar machen sollte: Wir lernen immer und überall. Meine Jungs haben im letzten Jahr also einiges über diverse Meeresbewohner, Dinosaurier, Pflanzen, Verkehrssicherheit, Karate, Recycling, Hurrikans, Landtiere Floridas, Geschichte Amerikas, Erdschichten, unterschiedliche Kunstrichtungen, kulturelle Unterschiede zwischen Deutschland und den USA, Naturschutz, Schleusen, die englische Sprache und vieles mehr gelernt. Und zwar nicht nur aus Büchern, nein, sie konnten vieles direkt erfahren, anfassen, ausprobieren. Nicht alles behalten sie, aber das würden sie ja auch nicht tun, wenn sie es in der Schule lernen. Allerdings wäre vieles von dem, womit wir uns beschäftigen konnten, gar kein Inhalt im ersten Schuljahr gewesen. Dafür hätte Joshua sich definitiv viel intensiver mit Lesen und Schreiben lernen quälen müssen. Nein, wir konnten frei entscheiden, was wir wann, wo und wie lange machen, ohne Lehrplan oder Vorgaben, weder über Inhalte, noch über Zeiten oder Orte, Pausen oder Materialien. Schön, oder?

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