Bis hierher und nicht weiter. Hier ist Schluss. Grenzen stoppen uns, halten uns zumindest auf oder zwingen uns sogar zur Umkehr.
Mit Grenzen hatten wir in den vergangenen Monaten viel zu tun. Zum Beispiel haben wir in den letzten 180 Tagen acht mal eine Landesgrenze überquert. Jeweils begleitet von zweifelhaften Informationen über Grenzschließungen (“Ich hab gehört…”) guten Ratschlägen und Sorgen über Tests und Einreiseverbote. Im September ging es von Deutschland über Frankreich und Spanien nach Portugal, im November, als gerade überall erneut ein Lockdown oder zumindest Reiseverbote verhängt wurden, von Portugal durch Spanien mit der Fähre nach Italien. An der Südspitze Italiens wurde uns vor der Fähre nach Sizilien eine Grenze aufgezeigt. Touristen seien auf Sizilien nicht erwünscht, ob wir denn noch nichts von Corona gehört hätten. Und Anfang Dezember ging es über Frankreich und Spanien wieder zurück nach Portugal. Vor der Grenze von Italien nach Frankreich hatten wir ganz schön Bammel, da offiziell eigentlich kein Transitverkehr erlaubt war, nur für die Heimfahrt zum Wohnsitz. Also füllten wir Papiere aus, gaben die Wohnung unserer Freunde einfach als unsere aus und hofften das Beste. Je näher wir der Grenze kamen, desto düsterer wurde sowohl der Himmel, als auch unsere Stimmung. Und die Erleichterung, weil es an der Grenze keine Kontrolle gab, wich purem Entsetzen, als wir an der ersten Mautstelle feststellten, dass dort jedes Fahrzeug kontrolliert wurde. Allerdings wollte der freundliche Beamte nur einen Blick in unseren Wohnwagen werfen (es handelte sich wohl eher um eine Kontrolle aufgrund von terroristischen Aktivitäten) und wünschte uns dann eine gute Reise. Passend zu unserer großen Erleichterung riss auch der Himmel auf. Die Grenzen waren alle offen und Kontrollen gab es weiter auch keine. Grenzwertig fühlt sich das Übernachten auf Raststätten an, dicht an dicht mit großen LKW oder recht einsam auf stillen, dunklen Parkplätzen. Wir sind froh und dankbar, dass uns dabei nichts passiert ist.

Die Grenzen, die uns wirklich zu schaffen machen, sind aber ganz andere. Corona bringt uns – wie wohl alle anderen auch – an unsere Grenzen. Unsere Reisemöglichkeiten sind begrenzt, wer weiß schon, wohin uns unsere Reise geführt hätte, wenn dieses Virus uns nicht dazwischengefunkt hätte. In Italien waren wir, ohne uns den Vesuv, die vielen Sehenswürdigkeiten Roms oder den schiefen Turm von Pisa angesehen zu haben. Nicht weil wir nicht wollten, sondern weil wir nicht durften. Durch Frankreich sind wir bisher im Grunde nur durchgerast, immer auf der Durchreise, schneller sein als die Grenzschließer… So haben wir uns das nicht vorgestellt, wollten den Kindern doch gerne etwas zeigen von der Welt und zwar nicht nur Campingplätze und Ferienhäuser. Nord- und Osteuropa standen auf unserer Liste, aber das haben wir virusbedingt bisher ausgelassen. So haben wir, ohne viel anderes gesehen zu haben, entschieden, Portugal als möglichen Lebensmittelpunkt auszuprobieren. Aber wir haben im Grunde noch gar nicht richtig gesehen, wie normales Leben in Portugal aussieht. Wenn wir durch diese ausgestorbenen Geisterorte fahren, frage ich mich immer wieder, wie es dort wohl aussieht, wenn Alltag stattfindet. Wenn Menschen die Plätze bevölkern, hier und dort ein Schwätzchen gehalten wird. Wie laut es wohl sein mag, denn Portugiesen scheinen sich bevorzugt in einer erhöhten Lautstärke miteinander zu unterhalten. Ich wüsste gerne, ob man auch junge Leute hier sieht, wie viele Kinder durch die Straßen laufen. All diese Informationen fehlen uns, sie wären aber notwendig, um darüber zu entscheiden, ob wir hierbleiben. Hier im Alentejo finden sich auch zahlreiche internationale Communities, es haben sich viele Familien aus aller Welt hier niedergelassen. Allerdings haben wir gerade keine Möglichkeit, sie zu treffen, nur in Messenger Gruppen lesen wir schon mal mit. Und es scheint auch viel statt zu finden, von praktischer Hilfe über Verabredungen bis zu Plänen für alternative Betreuungseinrichtungen. Was aber leider auch stattfindet, ist eine reger Austausch über Themen wie Impfpflicht, Corona Maßnahmen und wie sinnvoll es ist, sein Baby nach einer Hausgeburt registrieren zu lassen. Die Chats in diesen Gruppen sorgen bei mir dafür, dass ich viele der Mitglieder gar nicht erst kennen lernen möchte. Sicher war mir schon bewusst, dass Menschen, die hierher auswandern (möchten), bevorzugt zu Systemgegnern und -aussteigern gehören, dennoch gab es in mir die Hoffnung, dass wir auch darunter Menschen finden, mit denen wir gemeinsam leben können. Diese besondere Zeit scheint aber dazu zu führen, dass viele Meinungen, die wir sonst vielleicht ausgeblendet oder gar nicht bemerkt hätten, wie ein Leuchtfeuer alles andere überstrahlen und ein Miteinander nur schwer vorstellbar werden lassen.
Naja, und das tägliche Dahinplätschern ist auch unglaublich kräftezehrend. Ich finde es schon erstaunlich, dass “nichts zu tun zu haben” so anstrengend ist. Und damit meine ich eher das “keine Aufgabe zu haben”. Denn ich habe durchaus nichts gegen ein paar Tage oder Wochen nur lesen, Filme gucken, am Strand spazieren gehen… Aber derzeit fühlt sich unser hier sein nur noch wie ein Abwarten an, ein unausgefülltes Zeit absitzen. Es gibt keine Struktur in unseren Tagen und es gelingt uns auch nicht, eine einzuführen. Irgendwie fehlt der Sinn in dem, was wir tun. Und das jetzt einfach schon viel zu lange.
Natürlich geht es dabei viel um meine eigenen Erwartungen. Bei meinen Wünschen und Ideen, unseren Alltag betreffend, stoße ich immer wieder an Grenzen. Im Wohnwagen ist kaum Platz, kreativ tätig zu werden, Dinge auch mal liegen lassen zu können ist schlecht möglich. Auch die Ferienunterkünfte, die wir uns hier mieten, sind keine Paläste und bieten nicht unbedingt mehr Raum für diese Dinge. Vieles scheitert auch daran, dass wir nicht das richtige Werkzeug dabei haben und (aus Platzgründen) auch nicht unbegrenzt anschaffen können. Und immer wieder hindert uns ein Lockdown oder ein Ausgehverbot daran, Menschen zu treffen, zum Quatschen und/oder Spielen, die uns ihr Leben hier zeigen könnten.

Definitiv an unsere Grenze gekommen sind wir beim Thema Lernen. Gestartet sind wir mit der Vorstellung, irgendwie zwischen Homeschooling und Freilernen auf Reisen klar zu kommen. Anfangs war auch um uns herum so viel los, es gab viel Input, ab und zu ein bisschen zu schreiben und etwas Mathe zu machen reichte uns da völlig. Wir versuchten, eine feste Lernzeit einzuführen, was mal mehr, mal weniger funktionierte, und immer öfter in Streit endete. Platzmangel, fehlende Materialien, Motivationsverlust, Verweigerung… irgendwann war da nur noch Ungeduld und Verzweiflung. Und so geht es einfach nicht weiter. Hier müssen wir entweder zurück in bekannte Systeme oder Neuland begehen. Derzeit führen wir dazu viele Gespräche und denken verschiedene Modelle durch. Wir sind uns einig, dass das starre deutsche Schulsystem nicht der Weg für unsere Jungs sein soll. Hier gestalten viele Familien, die wir kennen gelernt haben, das Lernen mit Online Schulen. Wir haben diesen Weg auch in Betracht gezogen, allerdings gefällt Joshua dieser Ansatz zur Zeit nicht besonders gut und auch wir sind nur bedingt begeistert, dass dann so viel Zeit vor einem Bildschirm zum Alltag gehört. Wir erkundigen uns nach freien Schulen, wo sie die Möglichkeit haben, unter Erfüllung der Schulanwesenheitspflicht interessengeleitet zu lernen. In einem unserer Gespräche fragte mich Richard, warum wir eigentlich so darauf bestehen, dass Joshua regelmäßig rechnet und schreibt, wenn wir ihn andererseits auf eine Schule schicken würden, deren Grundsatz ist, dass er durchaus auch entscheiden könnte, genau diese Dinge abzulehnen und sich mit anderen Themen zu befassen. Recht hat er, oder? Dennoch seh ich Lehrpläne vor mir, vergleiche im Kopf mit Gleichaltrigen in Deutschland, und sag mir dann wieder was für ein Quatsch das ist. Jeden Tag erlebe ich, wie wenig von dem, was im deutschen Schulsystem gelehrt wird, bleibt. Also kann ich mich doch locker machen, oder? Naja, ihr merkt es schon, es ist ganz schön was los in meinem Kopf… Es ist halt sehr schwer, die Denkweise, die mich durch meine eigene Schulzeit, das anschließende Studium und die Tätigkeit als Lehrerin geprägt hat, los zu lassen.
Und so lassen wir den Jungs Freiraum zu tun, wonach ihnen ist. Nennen es Freilernen, aber ehrlich gesagt, fühlt es sich an, als ob da nicht viel lernen stattfindet. Etwas Anregung von außen und vor allem andere Kinder würden sicher helfen. Genau das ist allerdings derzeit einfach nicht drin. Also hoffen wir, wie der Rest der Welt, auf schnelle Impftermine, auf Lockerungen und etwas Normalität. Damit wir wieder in Bewegung kommen, noch etwas von der Welt sehen können, Hospitationen an Schulen möglich sind und unser Blick wieder klarer wird.

Sind wir damit auch an ein Ende der Reise gekommen? Ist hier schon Schluss? Wir wollten ja sozusagen auf der Durchreise herausfinden, wo ein Ort zum sesshaft werden ist, mussten aber feststellen, dass dies so auch nicht funktioniert. Wir sind an einem Grenzpunkt angekommen. Wir werden nicht einfach nur umkehren, aber wie es weitergeht, ist auch nicht klar. Die nächsten Monate werden also sehr spannend. Und nach all der Langeweile im Lockdown sicher erfrischend anders. Wir freuen uns drauf.

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