Ich bin eine Freilerner-Mama. Das bedeutet, meine Kinder gehen nicht zur Schule. Aber… was tun sie denn sonst? Und wie macht ihr das? Solche Fragen begegnen mir immer wieder in den letzten Jahren, in denen wir aus dem deutschen Schulsystem ausgestiegen sind. Wenn im Gespräch dann noch klar wird, dass ich Lehrerin bin, reagiert mein Gegenüber entweder erleichtert, dass ich dann ja offensichtlich immerhin weiß, was ich tue. Oder es kommt die Frage auf, wie ich denn gerade OBWOHL ich Lehrerin bin, zu dieser Haltung komme.
Es fällt vielen Menschen schwer, sich mit dem Gedanken auseinander zu setzen, dass Schule und Schulalltag für Kinder nicht unbedingt notwendig sind. Das kommt in unserem Denken einfach nicht vor. Wie auch, mit Schulpflicht und Betreuungsnotwendigkeit ist diese Möglichkeit ja ausgeschlossen. Wenn wir aber überlegen, wie viel (oder eher wie wenig) von unserem Schulwissen wir aktuell abrufen können oder gar in unserem Alltag brauchen, fangen wir vielleicht an, umzudenken.
Ich habe in unserer Zeit in den USA Home- und Unschooling kennen gelernt und mich gefragt, ob wir mal zu Worldschoolern werden. Mein Traum war es, Freilerner-Mama zu sein, ich hielt das aber selbst noch für recht unwahrscheinlich. Und doch bin ich es heute. Die Entwicklung begann aber nicht erst in den letzten Jahren. Rückblickend haben auch viele Erlebnisse aus meiner eigenen Schulzeit, dem Studium und der Arbeit als Lehrerin dazu beigetragen haben, mich zu der zu machen, die ich heute bin. Hier nehme ich euch mit auf meinen Weg zur Freilerner-Mama.

    1. 1986-1990, Grundschulzeit: Easy-peasy Bereits vor der Schule konnte ich lesen und ich glaube auch schreiben. Ich wollte das unbedingt können, also habe ich es schon gelernt, bevor mir in der Institution Schule gezeigt wurde, wie es geht. Intrinsische Motivation in Reinform, wie es bei Kindern so oft zu sehen ist. Dadurch war mir im ersten Schuljahr vielleicht etwas langweilig, aber ich bin auch gerne gut in etwas, also kam ich zurecht. Meine Noten (ab der 3. Klasse) waren nie schlechter als 2, die erste 3 kam erst in der 5. Klasse. Ich war auch richtig gerne in der Schule.

      Das bin ich in der 2. oder am Ende der ersten Klasse. Als ich noch Haarspangen mit Antennen trug und Schule mir Spaß machte.

    2. 1996, 10. Klasse: Hopfen und Malz verloren Meine weitere Schulzeit hat mir das Interesse am Lernen dann eher ausgetrieben. Ich hatte regelmäßig Black Outs bei Französischarbeiten, habe mich beim Auswendiglernen gelangweilt oder kreativ Spickzettel erstellt. Lehrerkommentare der unschönen Art gaben mir den Rest, am liebsten wäre ich nach der 10. Klasse abgegangen. Mein Mathelehrer tat meine Anstrengungen zum Beispiel so ab: “Ich sehe, dass du dir Mühe gibst, aber leider fehlen dir die Grundlagen in Algebra” natürlich, ohne mir Hilfe anzubieten. Andere Kommentare waren z.B.: “Das kann doch nicht sein, dass ihr verwandt seid.” Die Rede war von meiner Mutter und Tante, die erstens stiller (braver?) als ich und zweitens gut in Mathe waren. (Meine Tante ist Mathematikerin.) “Schwach angefangen, stark nachgelassen” oder “Ihr seid der schlechteste Kurs, den ich je hatte”, haben es auch nicht besser gemacht.
    3. die späten 90er Jahre, Oberstufe: Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr Die letzten zwei Jahre vor dem Abitur hatten es zwischenmenschlich echt in sich. Missverständnisse und Eifersucht sorgten dafür, dass sich die Freunde aus meinem Jahrgang gegen mich stellten und das machte jede Pause zum Spießrutenlauf. Allerdings gab ich nicht klein bei, sondern wurde zur Einzelkämpferin. Dies wiederum machte mich in den Augen der Anderen arrogant und überheblich. Schule wird oft als unabdingbar für soziale Kontakte der Kinder gesehen, meine Erfahrung spricht eine andere Sprache. Das braucht niemand.
    4. 1999, Abitur: Äh, und nun? Mein Abitur habe ich geschafft, nicht gut, aber bestanden. Fun Fact: Die Kombination meiner anderen Prüfungsfächer ließ nur Mathe zu. In der Prüfung erreichte ich einen Punkt. Was nun? Da ich meine Heimatstadt nicht verlassen wollte und keine Ahnung hatte, was ich tun sollte, entschied ich mich für ein Lehramtsstudium. Im Schwimmverein und der Jugendgruppe meiner Kirchengemeinde hatte ich bereits Erfahrung in der Arbeit mit Kindern gesammelt, so erschien es mir schlüssig.
    5. 2002, Studium: Frau Grahn Junior Tja, wie studiert ein junger Mensch, der sich durch die Schule laviert hat? Richtig, ich lavierte mich durchs Studium, immer auf dem Weg des geringsten Widerstands. Heute würde ich die Studienzeit ganz anders nutzen. Damals aber ging es vor allem darum, wie ich den Schein auf die einfachste Art bekomme. Das erste Praktikum machte ich sogar bei meiner Mutter (die logischerweise auch Lehrerin ist). Allerdings ist das nicht auf meinen Mist gewachsen, in die Liste haben mich Kommilitonen eingetragen. Dadurch hatte ich allerdings echte Vorteile, konnte die Klasse z.B. auf eine Klassenfahrt begleiten und von dort wertvolle Erfahrungen mitnehmen.

      Die Uni ist geschafft. Hier posiert unser Abschlussjahrgang auf der Treppe vor dem Universitätsgebäude. Ich bin ganz vorne, die zweite von rechts, mit dem schwarzen Fransenrock.

    6. 2004, Anwärterzeit: Augen auf und durch Nach dem Studium kam die Anwärterzeit und das zweite Staatsexamen. Und das ist echt ein Stoß ins kalte Wasser, das Studium hat mit dem Schulalltag nämlich nicht viel bis gar nichts zu tun. Die Rektorin der Schule begrüßte mich mit den Worten: “Ich bin der Meinung, man sollte es Anwärtern nicht zu leicht machen.” Na, Danke auch. Das Kollegium hatte außerdem ordentlich mit sich selbst zu tun, da genau zu meinem Start zwei Kollegien zusammengelegt worden waren. Nur die Erwähnung der Stadt, in der ich meine Anwärterzeit verbrachte, löst bis heute noch Unbehagen aus, das sagt eigentlich alles, oder?
    7. September 2006: April, April im September Meine erste Stelle begann damit, dass sämtliche Informationen und Absprachen aus dem Vorstellungsgespräch dahin waren. Auch hier waren zwei Schulen zusammengelegt worden, und der neue Rektor hatte andere Pläne mit mir. Nach nur zwei Schuljahren arbeitete ich nur noch Teilzeit, denn 80% meiner Unterrichtsstunden waren fachfremd. Da ist der Burnout nicht fern.
    8. April 2011: Ich werde Mama Nach der Geburt meines Sohnes wäre ich gerne die vollen drei Jahre Elternzeit zuhause geblieben. Leider ging dies aus finanziellen Gründen nicht. Schon früh zeigte mir Joshua, was er brauchte, mochte oder eben auch nicht. Und ich versuchte, ihm viel Entscheidungsfreiheit einzuräumen (auch Babies und Kleinkinder haben doch schon ihren eigenen Willen). Als ich wieder arbeiten musste, übernahm mein Vater die Betreuung von Joshua, was wirklich toll war, denn meine Eltern wohnten quasi gegenüber und es fühlte sich gut an, Joshua bei seinem Opa zu wissen.

      Joshua ist geboren. Jetzt bin ich Mama und dieses kleine Wesen verändert meine Sicht auf diese Welt.

    9. August 2012: Back to school Der Schulalltag hatte mich also wieder. Ein Jahr später wechselte ich von einer Hauptschule an eine Integrierte Gesamtschule. Im Aufbau. War vielleicht nicht die beste Idee, denn die Rektorin erwartete vollen Einsatz von allen, unabhängig von Voll- oder Teilzeitstelle, kinderlos oder mit Familie. Und gab dabei auch nicht viel auf rechtliche Vorgaben. Die mussten erkämpft werden. Meine geniale Teampartnerin und unsere wirklich tolle Klasse bildeten aber einen guten Gegenpol. Dennoch plagte mich oft das schlechte Mama-Gewissen und ich sehnte mich nach mehr Zeit mit meinem Kind.
    10. Juni 2015: Wir sind vier Unser zweiter Sohn wurde geboren. Bereits ein halbes Jahr vor der Geburt wurde ich krank geschrieben. Da ich ein Jahr zuvor eine Fehlgeburt hatte und der Druck durch meine Rektorin sehr groß war, entschied meine Gynäkologin, dass ich zuhause besser aufgehoben war. Nun merkte ich erst, wie sehr mich die letzten Monate gestresst hatten. Diesmal wollte ich sicher drei Jahre Elternzeit nehmen.

      Nun gehört auch Benji zur Familie.

    11. 2016: Schulstart in den USA Anfang 2016 entschieden wir, als Familie in die USA zu gehen. Auf unbestimmte Zeit, wir planten erstmal so 3-5 Jahre ein. Auswandern auf Probe sozusagen. Bereits in Deutschland wurde mir klar, dass ich dort Homeschooling ausprobieren möchte. Wie es dazu kam, würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen, wenn dich das interessiert, kannst du hier den Prozess im Detail nachlesen. Anfangs gestaltete sich das Lernen noch sehr frei. Wir machten viele Ausflüge in Museen, Parks und Buchläden, arbeiteten zuhause mit Apps und nahmen an (allerdings wenigen) Homeschoolertreffen teil.
    12. 2017: Umzug nach Florida Nach einem halben Jahr zogen wir von Texas nach Florida um. Dort lernten wir weiter wie bisher. Zusätzlich begann Joshua mit Karate, wir nahmen regelmäßig bei einem Homeschool Co-Op teil und waren oft am Strand. Und ich versuchte, Joshua auf die Schule in Deutschland vorzubereiten, denn es war schon bald klar, dass wir zurück wollten. Das aufgedrückte Lernen kostete aber sehr viel Kraft, wie ihr bei Interesse hier nachlesen könnt. Uns freilernend unsere Umgebung zu erspielen war so viel schöner.

      Joshua und ich beobachten neugierig, was da unter dem Steg lebt

    13. 2018: Back to Germany: Zurück ins deutsche System zu finden, war nicht leicht. Joshua tat sich anfangs schwer in der Schule und auch als er sich damit arrangierte, stellte er Vieles noch in Frage. Und Benji lehnte den Kindergarten quasi vollständig ab. Es fühlte sich so falsch an, meine Kinder morgens aus dem freien Spiel zu holen, weil sie Zeit in einer Institution verbringen mussten. Den Kindergartenbesuch beendeten wir vorzeitig und auch Joshua verbrachte so wenig Zeit wie möglich, eben gerade so viel wie nötig in der Schule. Und nach einem Jahr meldete ich mich und die Kinder aus Deutschland ab und wir starteten unsere Europareise.
    14. August 2019: Worldschooling in Europa Wir landeten sehr früh in Andalusien in La Herradura, wo Familien aus aller Welt sich treffen und gemeinsam Zeit verbringen. Das war toll, es gab organisierte Events und private Treffen und wir haben Freunde gefunden. Das geplante regelmäßige Schreiben und Rechnen in Arbeitsheften (um die Grundlagen zu haben) ließen wir erstmal sein. Allerdings wünschten wir uns mehr Treffen im Co-Op Stil, die wir in den USA kennen gelernt hatten. Das fand leider so nicht statt, aber es war ja auch der Anfang der Reise.

      Geburtstagsfeier, Beach Clean-Up, Strandtreffen… Irgendjemand treffen wir immer am Strand von La Herradura

    15. 2020: Kopfsprung ins Vertrauen Wir fuhren nach Portugal und es gab weniger Kontakte. Dann kam Covid und es gab gar keine Kontakte mehr. Wir lernten also alleine und kämpften um Lernzeit (ist die nicht immer?) und Mediennutzung. Fragen und (versteckte) Vorwürfe in Gesprächen säten Zweifel, wieder auf der Reise verflogen viele davon. Wir versuchten, mit den Jungs wenigstens die Basics aufrecht zu erhalten. Das fanden sie allerdings ziemlich langweilig und der Familiensegen hing oft schief. Bis wir im Dezember entschieden, dass es reicht. Wir bewarben uns an freien Schulen in Deutschland. Und wenn wir mit der Freiheit, die sie dort haben, interessengeleitet zu lernen, leben können, dann sollten wir ihnen diese Freiheit auch jetzt schon gönnen.
    16. 2021: Entdecke die (Un)Möglichkeiten Dieses Jahr ging es ordentlich auf und ab. Wir haben an freien Schulen hospitiert und uns dann doch fürs Weiterreisen entschieden. Gemeinschaftsleben haben wir probiert und dort war es auch faszinierend zu sehen, wie die Kinder oft tagelang beschäftigt sind, persönliche Gründe ließen uns aber weiterfahren. Eine Homebase, wo wir eine Lernumgebung schaffen können, haben wir dort nicht gefunden. Diese Art des Lebens und Lernens wäre aber durchaus etwas für uns. Im Jahresrückblog habe ich darüber ausführlich berichtet.
    17. Heute bin ich überzeugte Freilerner Mama. Ich weiß, dass ein Regelschulbesuch für uns nicht mehr in Frage kommt. Eine freie Schule wäre möglich (und wir haben zwischenzeitlich auch bereut, dies abgesagt zu haben), doch erscheint uns der bloße Anwesenheitszwang bereits zu viel. Wenn ich unser Freilernertagebuch von 2017/2018 lese, wünsche ich mir diesen Zustand zurück, stoße im Heute allerdings an Grenzen. Denn die Jungs sind größer und brauchen (relativ) verlässliche Kontakte mehr als früher. Und es ist schwieriger, sie dazu zu bewegen, ihren Hintern hoch zu kriegen. Ich kriege regelmäßig die Krise, habe Zweifel und möchte alles hinschmeißen. Und doch vertraue ich darauf, dass uns auf unserem Weg um die Welt weiterhin ausreichend Kontakte, Beständigkeit und Inspiration begegnen und unsere Kinder auch als Erwachsene neugierig und selbstbewusst durchs Leben gehen werden.
Ich liege entspannt in der Hängematte und harre der Dinge, die da kommen.

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