“Und ein Haus habt ihr schon?” Diese Frage wurde uns in Deutschland immer wieder gestellt und unsere Antwort sorgte regelmäßig für Erstaunen. Denn wir hatten in Deutschland zwar recherchiert wie der Wohnungsmarkt in Austin aussieht und welche Stadtteile sich für Familien eignen, ein Haus von Deutschland aus ungesehen mieten wollten wir aber nicht. Es könnte ja sein, dass uns die Wohngegend dann nicht zusagt, oder aber das Haus selber in real nicht überzeugte. Und hier mietet man meistens verbindlich für mindestens ein Jahr, also wären wir so schnell aus einem Mietvertrag auch nicht wieder herausgekommen. Mir gefiel auch noch der Gedanke, in eine Appartement-Community zu ziehen, um leichter Kontakt zu Nachbarn zu bekommen. Diese Communities verfügen meist über einen Pool, Spielplatz, Fitnessraum etc. die von allen Bewohnern benutzt werden können. Richard jedoch wollte lieber in ein Haus ziehen. Also planten wir, erstmal irgendwo unter zu kommen und hier vor Ort nach einer Bleibe zu suchen. Mutig, sagten die meisten.

Dass wir eine Unterkunft finden würden, bereitete uns aber wirklich keine Sorgen. Der Wohnungsmarkt hier ist – anders als in Braunschweig – sehr gut, sowohl Miet- als auch Kaufobjekte sind zahlreich vorhanden. Je näher unsere Abreise rückte, desto nervöser wurden wir dann aber doch, denn uns wurde bewusst, dass wir unsere Möbel selber aus Houston würden abholen müssen und das bedeutete auch, alles selber ins Haus zu tragen, zu zweit, mit zwei Kindern, die ja nicht bei einem Babysitter untergebracht werden könnten. Wir fragten bei unserem Umzugsunternehmen an, ob wir die Adresse noch ändern könnten und erfuhren, dass wir diese erst kurz vor der Ankunft des Schiffes festlegen müssten. So könnten wir uns den Container nach Austin bringen lassen und außerdem festlegen, dass uns die Möbel vom Unternehmen ins Haus getragen werden. Das wollten wir versuchen, allerdings bedeutete es, dass nach 6 Tagen Austin ein Haus gefunden sein musste. Würden wir das schaffen?

Ein Haus in 6 Tagen zu finden, ist sicher möglich. Aber würde es auch ein Zuhause sein? Was macht denn ein Zuhause aus? Die Menschen, die dort mit einem leben? Die Möbel, die darin stehen? Bilder und andere persönliche Gegenstände? Nach knapp 6 Wochen aus dem Koffer leben kann ich sagen: Ja, meine eigenen Möbel, ein Kleiderschrank und das eigene Bett sind wichtig, um mich zuhause zu fühlen. Es tut auch gut, wenn die Umzugskartons aus dem Blickfeld verschwinden und mit jedem aufgehängten Bild fühle ich mich ein bisschen wohler. Aber es braucht noch mehr, um aus einem Haus ein Zuhaus zu machen. Vertraute Dinge sind gut, aber es dauert doch, bis Alltägliches in neuer Umgebung vertraut wird. Müll z.B. steht doch klassisch unter der Spüle, aber unsere Mülleimer stehen jetzt unter dem Herd. Komisch, dass wir trotzdem immer wieder erst den Schrank unter der Spüle öffnen, vor allem, wenn man bedenkt, dass wir in Braunschweig unseren Müll gar nicht im Schrank hatten. 😉 Joshua traut sich z.T. überhaupt nicht, alleine durchs Haus zu gehen, offene Türen zu dunklen Räumen jagen ihm Angst ein und er traut der neuen Umgebung einfach noch nicht recht über den Weg. Lichtschalter haben wir unendlich viele und es dauert wohl noch, bis wir auf Anhieb die richtige Leuchte anmachen oder nicht mehr ins Leere greifen (denn die Position der Schalter ist manchmal doch fragwürdig).

Wie viele sicher über Instagram bereits mitbekommen haben: Wir haben es geschafft. Wir sind in der ersten Zeit nicht nur “irgendwo” untergekommen, sondern haben bei Freunden von Richards Familie wohnen können und wurden so unglaublich herzlich und freundlich aufgenommen. Ich freue mich sehr, dass wir diese beiden Menschen kennen lernen durften in ihnen erste neue Freunde gefunden zu haben.

Und wir haben tatsächlich in der vorgesehenen Zeit ein Haus gefunden. Eigentlich ja sogar zwei, denn ursprünglich wollten wir (mit unterschriebenem Mietvertrag) in eine anderes Haus einziehen, dort wurden wir allerdings über Tage von Stunde zu Stunde vertröstet, weil der Fußboden noch nicht verlegt war. Auf Nachfrage wurden die Hausverwalter dann ungemütlich, weshalb wir ihr Angebot, den Vertrag rückgängig zu machen, annahmen und spontan die Adresse wechselten. Ganz glücklich bin ich mit der Entscheidung nicht, aber unser Haus ist schön, groß und wir machen es uns schon gemütlich.

Womit ich aber wieder bei der Frage bin, was ein Haus zu einem Zuhause macht. Beim Einrichten wurde mir klar, dass für mich neben den Menschen, die hier mit mir leben auch die Menschen, die mich besuchen kommen dafür sorgen, dass ich mich zuhause fühle. Ich habe mich die ganze Zeit darauf gefreut, meinen Freunden und meiner Familie unser neues Zuhause zeigen zu können. Und werde traurig, wenn mir klar wird, dass die meisten unserer Lieben dieses Haus wohl niemals live zu Gesicht bekommen werden. Und bis wir hier neue Freunde finden, wird wohl auch noch noch einige Zeit vergehen. Ein Haus wird wohl erst mit dem Leben darin zu einem Zuhaus. Wir werden unser Haus hier sicher mit Leben füllen, aber um uns wirklich zuhause zu fühlen, müssen wir wohl insgesamt hier in der Nachbarschaft, in Austin, in Amerika ankommen. Es bleibt also spannend, unser Abenteuer. Und erfordert noch jede Menge Mut von uns.

Ich schreibe euch noch mein Lieblingsgedicht über Mut von Ulrich Schaffer, dass mir Mut macht, und so gut zu unserem Abenteuer passt:

“Woher nehmen wir den Mut, nicht mehr mutig zu sein, wenn wir doch wissen (oder wissen wir es nicht?), dass die Mutlosigkeit wie in tiefes und großes Grab ist, dem niemand entkommt, der sich darin einrichtet?

Mut ist, nachts auf ein Land zuzugehen, durch dessen Mitte ein Fluss fließt, an dem wir wohnen können. Nachts.”

Ulrich Schaffer, ein Sonntagsgedicht aus “Am roten Faden der Welt entlang”

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