Der September begann mit in der Luft schwebenden Drachen am Schwarzen Meer und endete in der Luft schwebend mitten in Griechenland. (Das bedeutet der Name Meteora aus dem Griechischen übersetzt nämlich. Wie passend, oder?) Dazwischen liegen nicht nur 1190 Kilometer, sondern auch gute Gespräche übers Elternsein und Freilernen in der Einsamkeit Bulgariens, mehrere Autoreparaturen, Strandtage, Haus-/Grundstücksbesichtigungen, Enttäuschungen und Schätze.

Als wir am 22.09. unsere Unterkunft in Bulgarien verließen, war noch unklar, wohin genau es geht. Wir wollten weiter, aber wo wir schlafen würden, ergab sich erst während der Fahrt. Dass wir Bulgarien verlassen würden, hatten wir einen Tag vorher entschieden. Auch in Griechenland trafen wir dann relativ spontan Entscheidungen über Ziele und Zeiträume. Wir hingen in diesem Monat ziemlich viel in der Luft, kann man sagen. Aber irgendwie hab ich das mit meinem Ausblick im Monatsrückblick August vorausgesagt. Should I stay or should I go? Diesmal lass ich den Ausblick mal weg und warte ab, was kommt. Zuerst aber schau ich zurück.

Bulgarien – ein Fazit

Bis zum 23.09. waren wir noch in Bulgarien. Die drei Wochen waren intensiv. Es gab einige klassische Reise-Momente. Also Städtetrips, Strandtage etc. Aber wir fragten uns auch immer wieder, ob dies der Ort zum Leben für uns sein kann. Das bedeutet nicht nur, Häuser und Grundstücke zu besichtigen, sondern auch die klassischen Reise-Momente mit anderen Augen zu sehen. Ich versuche mal, meine Gedanken zu sortieren und euch mitzunehmen. Es fällt mir schwer, Punkte einfach auf einer Pro & Kontra-Liste einzusortieren, denn jeder Aspekt hat irgendwie beide Seiten.

Eher Licht

Die Küste ist sehr hübsch und abwechslungsreich. Steilküste, Sandstrände, Felsformationen in unterschiedlichen Farben wechseln sich ab und das Meer lädt zum Baden oder Schnorcheln ein. Allerdings nur eine begrenzte Zeit, denn der Winter in Bulgarien ist dem in Deutschland sehr ähnlich. Es wird kalt, manchmal auch sehr nass, es kann etwas Schnee geben (also in den Bergen natürlich auch viel Schnee, aber wir wären ja an der Küste) und er ist auch nicht eher vorbei als in Deutschland. Hier weht auch oft ein kalter Wind aus Osten übers Schwarze Meer. Brrrr.

Familie Stein, die den Anstoß gab, überhaupt nach Bulgarien zu kommen, haben wir ins Herz geschlossen. Alle miteinander sind das einfach wundervolle Menschen, die uns sehr offen und herzlich begrüßt haben. Sie haben uns in ihr Zuhause eingeladen und uns viel gezeigt und erzählt. Sie als Nachbarn zu haben, wäre toll. Nur, bisher wären sie, gemeinsam mit einer weiteren Familie, unsere einzigen Nachbarn. Die jungen Menschen dort sind alle im Alter von 11 bis 17, Benji wäre wieder mit Abstand der Jüngste. Wir müssten wohl etwas die Werbetrommel rühren, damit sich eventuell weitere Familien dort niederlassen. Darauf angewiesen zu sein, fühlt sich nicht so gut an.

In direkter Nachbarschaft liegen auch viele Grundstücke brach. Nicht immer bedeutet das auch, dass sie zum Verkauf stehen. Oft sind aber Verhandlungen möglich. Die Häuser darauf sind überwiegend unbewohnbar oder aber extrem renovierungsbedürftig. Handwerkliches Geschick und viel Zeit, oder aber Geld für die (Um)Bauarbeiten muss man also mitbringen. Dafür bekommt man dort aber auch richtig viel Platz für richtig wenig Geld. Also mehrere tausend Quadratmeter für 15 – 50.000 €. So gibt es dort Möglichkeiten für Gestaltung, die sonst einfach nicht drin sind. Sehr verlockend.

Es harmoniert. Auf dem Trampolin...
... beim Roller fahren ...
... und im Skatepark.
Schöne Küste.
Bulgarien hat schöne Ecken. Diese hier ist in einem Park in Varna.
Viel Platz auf Grundstücken bedeutet auch viele kleine Rückzugsorte zu haben. Wie diesen.
Willkommen zuhause! Dieses Nebengebäude muss wohl ersetzt werden.
Gibt es ein Bad? Nein, aber eine Toilette. Draußen. Nur die Tür fehlt. 😁

Eher Schatten

Bulgarien ist arm. Und das sieht man. Ich habe noch nie so viele Ruinen gesehen. Oder Häuser, die auf mich wie Ruinen wirken, die aber bewohnt sind. Bei Spaziergängen durch Vranino sah ich kaputte Gehwege, wenn es denn welche gibt. Oft sind sie auch völlig zu gewuchert. Bordsteine bröckeln, Müll liegt herum und Häuser und Nebengebäude sehen aus, als ob sie bald zusammenfallen. An diesen Anblick müssten wir uns dann gewöhnen. Swantje sagt, sie sieht all das nicht mehr. Erst durch Besuch aus Deutschland wird sie immer wieder darauf aufmerksam. Das kann ich mir gerade gar nicht vorstellen.

Kaputt sind vor allem auch die Straßen. Wenn wir es von Vranino nach Kavarna geschafft hatten, konnte ich aufatmen. Dann wurde es etwas besser. Und trotzdem müssen die Augen hier stets wachsam auf der Straße bleiben. Das nächste Schlagloch kommt bestimmt. Die Aussicht bewundern funktioniert hier während der Fahrt nicht. Ein bisschen kennen wir das schon von Straßen in Portugal, aber so extrem nicht.

Der Ort, wo wir leben würden, liegt noch mal etwa 10 Minuten von Vranino entfernt. Die Straße dorthin ist eine Sackgasse und in keinem guten Zustand. Kleinere Straßen dort sind überhaupt nicht ausgebaut und im Winter, wenn es feucht wird, kaum oder gar nicht befahrbar. Wir würden also wohl viel Zeit zu Hause verbringen und bräuchten ein anderes Auto.

Die Sprachbarriere ist sehr hoch. Bulgarisch kann man lernen, natürlich. Aber durch die kyrillische Schrift ist es definitiv schwerer als beispielsweise Italienisch.

Stilleben - Müll neben Spitzengardine auf zugewuchertem Bürgersteig
Gemütliches Sitzen ist anders.
Normaler Anblick. Hübsch hässlich.
Kaputt. Für neue Bänke im Park sind keine Mittel vorhanden.
Ähm? "Hier schauen" übersetzt Translate. Im Zusammenhang kann ich das sogar erraten.
Oben Bulgarisch. Unten Lautschrift für Ahnungslose.

Und sonst so? Bulgarien-Erlebnisse in Bildern

Manche Dinge brauchen nicht viele Worte, sondern lassen sich in Bildern besser erzählen.

Drachenfest in Shabla.
Hier geht der Punk ab. Blaue Haare waren angesagt.
Spaß im Pool. Unsere Unterkunft war wirklich klasse.
Wir testen den Skatepark in Dobrich. Bestanden. 👍🏼
Flughafen Varna. 10 Tage waren wir nur zu dritt.
Wir haben die Wunschbrücke in Varna gemeistert. Wer sie mit verbundenen Augen überquert, ohne das Geländer zu berühren, dessen Wunsch geht in Erfüllung.
Im Sea Garden in Varna.

Die Nähe zum Schwarzen Meer fühlte sich nicht immer gut an. Denn obwohl die Ukraine noch einige Kilometer entfernt ist, befanden wir uns näher am Krieg als gedacht.
Als z.B. die Häfen an der Donau im Grenzgebiet zu Rumänien beschossen wurden, waren wir nur knapp 100 km Luftlinie entfernt. Dies war ein Grund, warum wir uns gegen den Besuch des Donau Deltas entschieden.
Knapp 10 Kilometer entfernt vom Strand Neptun, an dem wir ein Bad nahmen, explodierte eine Seemine.
Und in Bulgarien wurde eine mit Sprengstoff beladene Drohne nur ca. 10 Meter entfernt von der Bank gefunden, auf der wir nur zwei Wochen zuvor saßen, um Fotos zu machen. Dieser Ort ist Luftlinie auch nur ca. 20 Kilometer von unserer Unterkunft in Vranino entfernt gewesen.

Hier sitze ich entspannt in Tyulenovo auf der Bank am Meer.
Und hier wird der Sprengkörper gezündet. Der rote Pfeil zeigt, wo die Bank ist, auf der ich saß.

Griechenland

Auf Griechenland haben wir uns sehr gefreut. Wir träumten von Schildkrötensichtungen, weißen Stränden, Palmen und Pinien und eventuell Treffen mit anderen Freilernerfamilien auf Peloponnes. Vorgestellt hatten wir uns vier Wochen, je eine Woche an einem anderen Ort, um nicht nur an einer Stelle fest zu sitzen. Naja, und dann kam unser erster Stopp.

Pefkochori – Kulturschock auf Chalkidiki

Chalkidiki heißt die Halbinsel mit den drei Fingern (oder Füßen, wie die Griechen sagen) bei Thessaloniki. Dort hatten wir uns ein Appartement auf Kassandra, dem westlichsten Fuß, gemietet. Weil auf den anderen einfach weniger Unterkünfte zu finden waren und wir uns ein wenig Leben wünschten. Im Sinne von ein paar Cafés und Restaurants in der Nähe, und einem kurzen Weg zum Supermarkt.

Ja, das haben wir gekriegt. Voll in die Fresse, verzeiht meine Wortwahl. Aber genau so war es. Obwohl bereits Nebensaison, war in Pefkochori noch richtig was los. Und der ganze Ort scheint als Massentouristenhaltung erbaut zu sein. Es war so eng und voll und laut. Wir haben die Krise gekriegt und wollten am liebsten direkt wieder weg. Da hätten wir wohl gründlicher recherchieren sollen.

Nun war es aber so. Wir versuchten das Beste draus zu machen. Ist uns nicht so gut gelungen. Obwohl es relativ klein war, blieben wir viel im Appartement. Die Gegend drumherum lockte uns überhaupt nicht. Ein Stückchen weiter gab es schöne Strände, etwas einsamer. Aber dorthin mussten wir mit dem Auto fahren, und die Parkplatzsituation in Pefkochori war ebenfalls katastrophal. Kurz: Wir vermissten die Ruhe und Einsamkeit Bulgariens und reisten einen Tag eher als geplant ab.

Und zwar bereits mit dem Plan, unseren Griechenland-Aufenthalt erheblich zu verkürzen. Denn es gestaltete sich wirklich schwierig, Unterkünfte zu finden, die unseren Vorstellungen entsprachen und in unser Budget passten.

Die Aussicht ist verbaut. Häuser dicht an dicht und Wolken verbergen die Sonne. Grummel.
Eingepfercht zwischen all den Restaurants und Geschäften fühlen wir uns wie diese kleine Kapelle hier.
Aber ein paar Kilometer weiter können wir durchatmen.
Idylle an der Lagune.

Meteora – schwebende Klöster

Mitten in Griechenland, östlich des Pindos-Gebirges nahe der Stadt Kalambaka in Thessalien, liegen die Meteora Klöster. Insgesamt 24 Klöster gehören zu der Anlage, heute sind noch sechs davon bewohnt. Sie sind auf hohen Sandsteinfelsen gebaut und scheinen bei dunstiger Luft zu schweben, daher der Name. Die Anfänge der Klöster gehen bis ins 11. Jahrhundert zurück. Heute gehören sie zum UNESCO Weltkulturerbe.

Als ich sah, dass unsere Route uns quasi direkt daran vorbei führte, planten wir einen Stopp in Meteora. Wir kamen nachmittags an und hatten so die Gelegenheit, den Monat mit einem Sonnenuntergang über den Felsen von Meteora zu beenden. 😍

Am nächsten Morgen (also bereits im Oktober 😬) besichtigten wir dann noch das Varlaám Kloster. Zum Glück waren wir recht früh dort, denn auch in der Nebensaison schieben sich hier täglich wahre Lawinen von Besuchern durch die Gänge. Auch während unseres Besuchs dort war es recht voll, aber als wir mittags das Kloster wieder verließen, standen die wartenden Touristen die ganze Treppe hinunter Schlange.

Das Kloster selbst, wie auch die Felsen, ist sehr beeindruckend. Kunstvoll verziert und gestaltet sind die Gebäude sowohl innen als auch außen. Die Gebäude scheinen aus dem Fels zu wachsen, wir fragten uns, wie es damals bloß möglich war, hier oben zu bauen. Treppen wurden erst im 20. Jahrhundert in den Stein gehauen, vorher war der Zugang z.T. nur über Strickleitern und Seilwinden mit Netzen daran möglich.

Im Museum sahen wir uralte Schriften, Kleidung und kunstvolle Gegenstände, wir bestaunten das riesige Fass zur Weinlagerung und den Mut der Mönche, sich in den Netz-“Fahrstuhl” zu setzen. Es war wirklich beeindruckend schön, auch die Fahrt durch die tollen Felsen hinauf zu den Klöstern und auch wieder herunter. Nach jeder Kurve ist die Perspektive eine andere. Wenn ihr könnt, plant mal einen Besuch hier. Es lohnt sich. Aber vielleicht nicht zur Hauptsaison, das mag ich mir nicht vorstellen.

Sonnenuntergang über Meteora.
Am Ende haben Wolken die Sicht auf den Untergang hinter den Bergen verhindert. Trotzdem schön. Oder gerade deswegen?
Blick auf das Kloster Varlaám.
Das Frauenkloster Rousanos.
Blick von unten hoch zum Kloster Rousanos.
Langer Rock und bedeckte Schultern ist die Kleiderordnung für Frauen.
In diesem Netz wurden die Mönche hochgezogen oder heruntergelassen.
An diesem Haken wurde das Netz befestigt. Der Käfig war nur für VIPs.
Und hier arbeiteten zwei Mönche. Drehen für den Aufzug.
Treffpunkt Kreuz. Ob hier jemand saß und für den sicheren Transport betete?
Hübsch von außen.
Und von innen.
Beeindruckende Felsen.
Die schon Kulisse für viele Filme waren, darunter auch James Bond und Indiana Jones.

Mein Lied des Monats

Egoist von JEREMIAS. Hab das Lied in einem Reel auf Instagram gehört und es hat mich direkt getroffen. Denn neben all dem, was ich oben beschrieben hab, gab es im September auch viele Gedanken zu dem, was ich will. Das ist nämlich irgendwie verloren gegangen in den letzten Jahren, zwischen all den Erwartungen, die das Außen an mich hat. Hört es euch mal an, wenn ihr es noch nicht kennt.

Jeder will wer sein, dann bin ich lieber nichts
Geht es um die Freiheit, dann bin ich ein EgoistZu einer Hälfte Geist und zur andern Hälfte KindIch glaub, mein Vorbild, das war immer nur der Wind

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

2 × three =